Supports/Surfaces

Die französische Künstlergruppe Supports/Surfaces formierte sich Ende der 1960er Jahre und trat zwischen 1969 und 1972 als eigenständige Bewegung in Erscheinung. Ihr programmatisches Anliegen bestand in einer materialistischen Analyse und Dekonstruktion der konstitutiven Elemente der Malerei: des Supports (des Trägers, etwa des Keilrahmens oder der Wand) und der Surface (der Oberfläche, etwa der Leinwand oder des Stoffs). Die Gruppe gilt als eine der bedeutendsten Erscheinungen der französischen Nachkriegsavantgarde und als Reaktion auf die internationale Konzeptkunst und Minimalkunst.[1][2]
Entstehung und Kontext
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Wurzeln von Supports/Surfaces liegen in der Kunstszene von Nizza (École de Nice)[3] sowie in Paris. Bereits Mitte der 1960er Jahre experimentierten mehrere der späteren Gruppenmitglieder unabhängig voneinander mit einer Reduktion malerischer Mittel auf ihre physisch-materiellen Grundlagen. Als institutioneller Ausgangspunkt gilt die Ausstellung La peinture en question im Oktober 1969 in Saint-Jeannet (Alpes-Maritimes), an der unter anderem Claude Viallat, Daniel Dezeuze und Patrick Saytour beteiligt waren. Unmittelbar im Anschluss formierte sich die Gruppe unter dem Namen Supports/Surfaces, der die programmatische Trennung und analytische Betrachtung der materiellen Bestandteile des Tafelbildes bezeichnet.[2]
Den öffentlichen Durchbruch erzielte die Gruppe mit der Ausstellung Supports/Surfaces vom 4. bis 27. Oktober 1970 im ARC (Animation Recherche Confrontation) des Musée d’art moderne de la Ville de Paris. Diese Ausstellung wird in der Forschungsliteratur übereinstimmend als konstituierendes Ereignis der Bewegung gewertet.[2]
Künstler
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zum engsten Kreis der Supports/Surfaces Gruppe zählten:[4]
- Claude Viallat (* 1936 in Nîmes): Er gilt als zentrale Figur der Gruppe und ist bekannt für die Verwendung ungespannter Leinwände sowie wiederholter abstrakter Formen.
- Daniel Dezeuze (* 1942 in Alès), der insbesondere den Keilrahmen als autonomes Objekt thematisierte.
- Patrick Saytour (* 1935 in Nizza).
- André Valensi (* 1947).
- Noël Dolla (* 1945 in Nizza).
- Marc Devade (1943–1983 in Paris).
- Louis Cane (1943–2024 in Beaulieu-sur-Mer).
- Bernard Pagès (* 1940 in Cahors)
- Jean-Pierre Pincemin (1944–2005)
- Toni Grand (1935–2005)
Die genaue Abgrenzung des Mitgliederkreises ist in der Literatur nicht einheitlich. Einige Autoren rechnen zusätzliche Künstler zur Bewegung, die an einzelnen Ausstellungen teilnahmen, ohne zum festen Kern zu gehören.[4]
Theoretische Grundlagen und künstlerische Praxis
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Supports/Surfaces verband künstlerische Praxis mit einer explizit theoretischen Dimension. Die Gruppe orientierte sich an verschiedenen zeitgenössischen intellektuellen Strömungen:[2]
- Strukturalistischer Marxismus: Unter dem Einfluss von Louis Althussers Marxismusinterpretation analysierten insbesondere Marc Devade und Louis Cane das Gemälde als Ware und die Malerei als ideologisch determinierte Praxis. Das Bild sollte seiner bürgerlichen Repräsentationsfunktion entkleidet werden.
- Semiotik und Strukturalismus: Anknüpfend an die Linguistik Ferdinand de Saussures und die literaturtheoretischen Debatten der Zeitschrift Tel Quel (Philippe Sollers, Julia Kristeva) entwickelte die Gruppe eine Theorie des malerischen Zeichens.
- Psychoanalyse: Freuds und Lacans Konzepte flossen in einzelne Schriften der Mitglieder ein, wenngleich deren Gewichtung zwischen den Autoren variierte.
Die theoretischen Texte erschienen überwiegend in der von der Gruppe herausgegebenen Zeitschrift Peinture: cahiers théoriques, die zwischen 1971 und 1975 in mehreren Heften publiziert wurde. Inhaltliche Differenzen zwischen einer stärker materialistisch-politischen Fraktion (Devade, Cane) und einer eher formalästhetisch orientierten Fraktion (Viallat, Theseuze) traten in diesem Organ offen hervor und trugen zur späteren Auflösung der Gruppe bei.[2]
Die Mitglieder von Supports/Surfaces entwickelten eine Vielzahl gemeinsamer oder verwandter künstlerischer Verfahren, die die traditionellen Konventionen der Tafelmalerei infrage stellten:[2]
- Trennung von Träger und Oberfläche: Keilrahmen und Leinwand wurden als separate Objekte präsentiert oder der Keilrahmen wurde vollständig eliminiert.
- Ungespannte Leinwand: Stoffe wurden direkt auf dem Boden ausgelegt, gefaltet, gerollt oder an der Wand befestigt.
- Industrielle und alltägliche Materialien: Neben klassischer Leinwand verwendeten die Künstler Netze, Planen, Säcke und ähnliche Materialien.
- Nicht-malerische Behandlung: Stoffe wurden gefärbt (Batik, Tauchbad), verbrannt, geknüpft oder auf andere Weise physisch bearbeitet, ohne dass ein Pinsel zum Einsatz kam.
- Serielles Prinzip: Insbesondere Viallat arbeitete mit der unveränderten Wiederholung einer einzigen Form auf wechselnden Trägern.
- Rauminstallation: Die Präsentation im Ausstellungsraum bezog architektonische Gegebenheiten bewusst ein.
Ausstellungsgeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach 1972 stellten die beteiligten Künstler überwiegend als Einzelpersonen aus. Retrospektiven zur Bewegung als Ganzes fanden unter anderem 1991 im Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain in Nizza statt.[2]
Auflösung der Gruppe
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Gruppe löste sich 1972 infolge zunehmender politischer und ästhetischer Spannungen auf. Der wesentliche Konflikt verlief zwischen jenen Mitgliedern, die eine explizit marxistische, an der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) bzw. der maoistischen Linken orientierte Position vertraten – vor allem Devade und Cane –, und jenen, die eine stärker autonomistische Haltung einnahmen. Ein öffentlicher Bruch erfolgte in den Cahiers théoriques. Die einzelnen Mitglieder setzten ihre Karrieren danach unabhängig voneinander fort, vielfach mit internationaler Ausstellungstätigkeit.[2]
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Frankreich wurde Supports/Surfaces zunächst in erster Linie als theoretisch ambitionierte und politisch engagierte Bewegung wahrgenommen. Die internationale Rezeption verlief verzögert und war bis in die 1980er Jahre hinein beschränkt. Im angelsächsischen Kunstdiskurs wurde die Gruppe gelegentlich in Beziehung zu zeitgenössischen Entwicklungen wie der Process Art in den USA (Robert Morris, Eva Hesse) und dem Arte Povera in Italien gestellt, obwohl keine direkten Einflüsse belegt sind.[2]
Ab den 1990er Jahren erfuhr Supports/Surfaces eine verstärkte kunsthistorische Aufarbeitung durch Ausstellungen, Kataloge und akademische Publikationen. Claude Viallat wurde 1988 mit einem eigenen Saal auf der Biennale di Venezia geehrt und gilt seither als der international anerkannteste Vertreter der Gruppe. Auch Toni Grand erhielt internationale Anerkennung und war auf der documenta 6 (1977) vertreten.[2]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Yves Michaud: Supports/Surfaces: une histoire. Hrsg. von Bernard Lamarche-Vadel. Paris: Maeght, 1986.
- Pierre Wat: Supports/Surfaces. Les années décisives 1965–1975. Paris: Gallimard / Electa, 1993.
- Jean-Marc Poinsot (Hrsg.): Supports/Surfaces. Archives 1966–1974. Bordeaux: CAPC Musée d'art contemporain, 1992.
- Peinture: cahiers théoriques. Nr. 1–12, Paris 1971–1975.
- Supports/Surfaces. Ausstellungskatalog, Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris (ARC). Paris 1970.
- Supports/Surfaces et après. Ausstellungskatalog, MAMAC Nizza. Nizza 1991.
- Arnauld Pierre: La peinture froide. Supports/Surfaces et l'héritage du modernisme. Paris: Presses Universitaires de France, 2000.
- Romain Mathieu (Hrsg.): Supports/Surfaces. Les origines 1966–1970. Ausst.-Kat. Carré d'Art, Nîmes 2017.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Supports/Surfaces: Viallat & Saytour | Nationalmusée. Abgerufen am 9. Juni 2026 (englisch).
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Yves Michaud: Supports/Surfaces: une histoire. Hrsg.: Bernard Lamarche-Vadel. Paris: Maeght 1986.
- ↑ L'Ecole de Nice, qu'est ce que c'est ? - Art Côte d'Azur. Abgerufen am 9. Juni 2026 (französisch).
- 1 2 Supports—Surfaces. Abgerufen am 9. Juni 2026 (englisch).