Bohrassel
| Bohrassel | ||||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
Bohrassel (Limnoria lignorum) | ||||||||||||
| Systematik | ||||||||||||
| ||||||||||||
| Wissenschaftlicher Name | ||||||||||||
| Limnoria lignorum | ||||||||||||
| (Rathke, 1799) |
Die Bohrassel, wissenschaftlicher Name Limnoria lignorum, ist eine marine (im Meer lebende) Art der Asseln. Sie bohrt in Holz und kann als holzzerstörende Art Schäden an Bauwerken verursachen.
Merkmale
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bohrasseln[1] sind deutlich gewölbt und erreichen eine Körperlänge von ungefähr 5 Millimetern. Sie sind weißlich bis gelblichgrau gefärbt. Ihr Körper ist im Umriss in Aufsicht langgestreckt oval, etwa dreimal so lang wie breit, mit der größten Breite in der hinteren Hälfte des Rumpfabschnitts (Peraeon). Der Kopf ist annähernd kugelig, er wird am Hinterrand vom ersten Peraeomer überdeckt. Am Hinterende ist der Hinterrand des Pleotelson (also des verschmolzenen sechsten Segments des Pleon und des Telsons) gleichmäßig gerundet. Das Pleon ist fast genauso breit wie die hinteren Segmente des Peraeons, etwa halb so lang wie der Vorderkörper, mit parallelen Seitenrändern. Dadurch ergibt sich die ovale Körpergestalt.
Beide Antennenpaare sind sehr kurz. Die ersten Antennen bestehen aus drei Grundgliedern und einer ebenfalls dreigliedrigen Geißel, die zusammen kürzer ist als deren letztes Glied. Die nur unwesentlich längeren zweiten Antennen bestehen aus fünf Grundgliedern und einer fünfgliedrigen Geißel, deren erstes Glied etwa so lang ist wie die vier übrigen zusammen. Die kleinen Augen bestehen aus 7 Ocellen. Die kräftigen beißenden Mandibeln sind lang und schmal, mit einem dreigliedrigen Taster (Palpus).
Am Peraeon sind die seitlich sitzenden Coxalplatten am zweiten bis siebten Segment deutlich durch eine Naht abgesetzt. Deren Hinterrand ist am zweiten nach vorn vorgezogen, am dritten etwa gleich breit und an den übrigen Segmenten nach hinten ausgezogen, wo er in einer scharfen Spitze endet. Von den sieben Laufbeinpaaren (Peraeopoden) ist das erste das längste, ihre Länge nimmt nach hinten hin gleichmäßig ab. Die ersten drei sind nach vorn, die hinteren vier nach hinten gerichtet und etwas schlanker als die vorderen. Die Beine tragen je zwei Krallen, die kleinere innere ist deutlich gezähnt. Reife Weibchen bilden am zweiten bis siebten Segment auf der Bauchseite den für die ganze Überordnung typischen Brutraum (Marsupium) aus, in den die Eier abgelegt und mit herumgetragen werden. Dazu bildet jedes Beinpaar nach innen je vier bis fünf Oostegite genannte Fortsätze aus.
Am Pleon sind die vier vorderen der fünf freien Segmente kurz und untereinander etwa von gleicher Länge, mit spitz ausgezogenen Epimeren. Das fünfte ist viel länger, an den Seiten etwas und am Hinterrand deutlich bogig eingebuchtet, oben auf jeder Seite mit einer queren, flachen Grube. Das Pleotelson am Hinterende ist etwa so lang wie breit, mit halbkreisförmig vorstehendem, schwach behaartem Hinterrand, auf der Oberseite beiderseits mit einer tiefen Grube, in der Mittellinie dazwischen mit einer Längsleiste (Mittelkiel). Die Pleopoden haben lange schmale Endopodite und etwas breitere, an der Außenseite gerundete Exopodite, sie dienen sowohl der Atmung wie auch als Schwimmbeine. Die fünften Pleopoden abweichend davon mit schwach sichelförmig gebogenen Ästen. Die Uropoden sind gerade und reichen bis zum Hinterrand des Pleotelson. Ihr Endopodit ist zylindrisch und an der Spitze lang beborstet, der Exopodit klein und krallenförmig, nach außen gebogen (Familienmerkmal).
Ähnliche Arten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Lange Zeit glaubte man, die Bohrassel sei die einzige Art ihrer Familie im Nordatlantik und der Nordsee. Später wurden dort weitere Arten entdeckt, die lange Zeit verkannt worden waren. Von diesen ist Limnoria tripunctata deutlich kleiner (maximal drei Millimeter). Markant ist die abweichende Gestalt des Pleotelson, dieses ist zum Vorderrand hin verengt, dort mit einem kantig abgesetzten, gezähnten Rand. Zudem trägt dessen Oberseite nicht einen Mittelkiel wie bei Limnoria lignorum, sondern drei dreieckig angeordnete punktförmige Tuberkel (die namensgebend waren).[2] Auch Limnoria quadripunctata erreicht nur drei Millimeter Länge. Hier sitzen auf dem Pleotelson oberseits zwei Paare solche Tuberkel hintereinander, also insgesamt vier, hinter denen in schwacher Längskiel anschließen kann.[3]
Verbreitung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Bohrassel ist in nördlichen Breiten weit verbreitet, mit Verbreitung im Nordatlantik und dessen Nebenmeeren und im Nordpazifik. Die Art gilt als nördliche (boreale) Art, die nach Süden hin von anderen Arten der Gattung abgelöst wird. Traditionell wird von einer Heimat der Art in den nördlichen europäischen Meeren, dem Nordostatlantik und der Nordsee, ausgegangen.[1][3] Tatsächlich kann, wie bei den anderen europäischen Bohrassel-Arten, das ursprüngliche Verbreitungsgebiet nicht angegeben werden, da von einer globalen Verschleppung mit hölzernen Schiffen schon in sehr frühen Zeiten ausgegangen werden muss.[4] Sicher bestimmte Tiere der Art fanden sich in den europäischen Gewässern in der Nordsee, im Nordatlantik, nördlich bis Island, an den Küsten Großbritanniens und Skandinaviens. Es gibt Vermutungen, dass die kälteliebende Art ihr Verbreitungsgebiet aufgrund des Klimawandels derzeit nach Norden verlagert.[4] Die Bohrassel wird auch für die westliche Ostsee angegeben.[1] Alle Angaben südlich der Kanalküste sind vermutlich irrtümlich und beziehen sich auf andere Arten der Gattung.
An der amerikanischen Pazifikküste kommt die Art von Kodiak Island (Alaska) im Norden bis Point Arena (Kalifornien) im Süden vor.[5]
Ökologie und Lebensweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Bohrassel ist eine Art der Meeresküsten, wo sie bevorzugt im tieferen Teil der Gezeitenzone (Eulitoral oder auch Intertidal) vorkommt.[2]
Sie bewohnt fast ihr gesamtes Leben lang selbst ausgenagte Gänge in im Meer untergetauchtem Holz, wobei sowohl verbautes wie abgesunkenes oder treibendes Holz besiedelt wird. Sie ist besonders häufig in Nadelhölzern, kommt aber in allen Holzarten vor. Die Tiere nagen Gänge mit kreisförmigem Querschnitt und gewundenem Verlauf, grob in Richtung der Holzfasern. Die Gänge werden bevorzugt im weicheren Frühholz angelegt, das Spätholz wird zunächst stehengelassen, aber zum Erreichen weiterer Frühholzschichten durchbohrt. In jedem Gang lebt meist je ein Tier an dessen vorderem Ende, das dort Holz abnagt und so den Gang verlängert. Sie halten aber den Gang hinter sich offen und können ihn ggf. auch verlassen. Gelegentlich kommen mehrere Tiere, auch verschiedener Bohrasselarten, im selben Gang vor. Die Gänge verlaufen meist parallel zur Holzoberfläche. In bestimmten Abständen werden nach oben hin Erweiterungen oder kleine Löcher genagt, die wohl der Wassererneuerung im Gang dienen. Dazu erzeugen die Asseln auch mit ihren Pleopoden einen steten Wasserstrom. Da die Asseln auf Frischwasser angewiesen sind, können sie zunächst nicht sehr tief bohren. Sie dringen tiefer vor, wenn die stehengelassenen Spätholz-Lamellen außen abbrechen oder vom Wellenschlag abgeschlagen werden.[1]
Die Weibchen tragen die Eier bis zum Schlupf der Jungasseln im Brutraum (Marsupium) mit sich herum. Die geschlüpften Jungasseln bleiben im Gang des Muttertiers und nagen von hier aus später kleine Seitengänge. Die Entwicklung ist temperaturabhängig und dauert an der norwegischen Küste bei 11 °C etwa 42 Tage, bei 16 °C rund 32 Tage, jeweils von der Eiablage bis zum Schlüpfen der Jungtiere aus dem Marsupium.[1]
Bei zu hoher Dichte, wenn verwertbares Holz knapp wird, schwärmen noch nicht ganz ausgereifte Jungtiere aus den Gängen aus auf der Suche nach neuem Lebensraum. Sie schwimmen dabei mit der Rückenseite nach unten.[1]
Anders als die meisten holzzersetzenden Organismen besitzen Bohrasseln in ihrem Darm keinerlei angepasste symbiotische Mikroorganismen.[6] Tatsächlich sind die Tiere wohl in der Lage, alle notwendigen Enzyme selbst zu synthetisieren.[7]
Die Bohrassel ist die am weitesten nördlich verbreitete Art der Gattung. Die Art kann, experimentell ermittelt, Temperaturen bis −4 °C schadlos überstehen, wobei sie bei Temperaturen unter etwa 5 °C in einen Ruhezustand (Dormanz) übergeht. Maximaltemperatur für die Art sind etwa 20 °C.[4] Außerdem dringt die Art, anders als die anderen Bohrassel-Arten, auch weit in Brackwasser vor, ist also euryhalin.
Schäden
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bohrasseln gehören zu den holzzerstörenden Meerestieren. In früheren Zeiten war der ökonomische Schaden der Bohrassel an verbauten Hölzern im Meer beträchtlich, wenn auch deutlich geringer als derjenige durch Schiffsbohrmuscheln (Teredinidae). Die Asseln zerstören immer nur die äußere Schicht der Hölzer. Ohne Bekämpfung wird aber nach und nach das gesamte Holz aufgebraucht. Bohrasseln können aber kein Holz besiedeln, dass zum Holzschutz etwa mit Teeröl (Kreosot) behandelt ist.[2] Gegen diese Behandlung ist die verwandte Limnoria tripunctata deutlich resistenter.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 5 6 Hans-Eckhard Gruner: Krebstiere oder Crustacea. V. Isopoda, erste Lieferung. Band 5 von Friedrich Dahl (Begründer): Die Tierwelt Deutschlands und der angrenzenden Meeresteile. VEB Gustav Fischer Verlag, Jena 1965. 149 Seiten. S. 49–55.
- 1 2 3 Daniel B. Quayle: Marine Wood Borers in British Columbia. Canadian Special Publication of Fisheries and Aquatic Sciences 115. Ottawa 1992. ISBN 0-660-14438-7.
- 1 2 Robert James Menzies (1957): The Marine Borer Family Limnoriidae (Crustacea, Isopoda). Part I: Northern and Central America: Systematics, Distribution, and Ecology. Bulletin of Marine Science 7 (2): 101-200.
- 1 2 3 Luisa M.S. Borges, Lucas M. Merckelbach, Simon M. Cragg (2014): Biogeography of Wood-Boring Crustaceans (Isopoda: Limnoriidae) established in European Coastal Waters. PLoS ONE 9(10): e109593. doi:10.1371/journal.pone.0109593
- ↑ Ma. del Carmen Espinosa-Pérez and M.E. Hendrickx (2006): A comparative analysis of biodiversity and distribution of shallow-water marine isopods (Crustacea: Isopoda) from polar and temperate waters in the East Pacific. Belgian Journal of Zoology 136 (2): 219-247.
- ↑ Paul J. Boyle, Ralph Mitchell (1978): Absence of Microorganisms in Crustacean Digestive Tracts. Science 200 (4346): 1157-1159. doi:10.1126/science.200.4346.1157
- ↑ Andrew J. King, Simon M. Cragg, Yi Li, Jo Dymond, Matthew J. Guille, Dianna J. Bowles, Neil C. Bruce, Ian A. Graham, Simon J. McQueen-Ma (2010): Molecular insight into lignocellulose digestion by a marine isopod in the absence of gut microbes. PNAS 107 (12): 5345–5350. doi:10.1073/pnas.0914228107